Frauen im Gerüstbau: Von wegen das schwächere Geschlecht! Teil 1

  • 8. Februar 2021

Ein Thema, mit dem ich mich tatsächlich schon öfters befassen wollte, ist „Frauen im Gerüstbau“. Immer mehr Frauen interessieren sich für den Gerüstbauberuf und ich habe mich auf die Suche nach diesen Damen gemacht. Über die Facebook-Gruppe „Gerüstbauer“ habe ich ein Inserat geschaltet und nach Freiwilligen gesucht, die mir aus ihrem Gerüstbaualltag erzählen. Eine von diesen Frauen war die liebe Vivien. Sie sagte am Ende unseres Interviews: “Es war wie Kaffee trinken mit einer Freundin“. Genau das Gleiche empfand ich auch.

Steckbrief:

Vivien Stichert, 37 Jahre, zweifache Mama, Gerüstbaumeisterin. Vivien unterstützt ihren Mann in der gemeinsamen Firma „das Werkstück“. Das Werkstück ist ein zertifiziertes Unternehmen, das Gerüstbauer-innen in allen Bereichen rund um den Gerüstbau schult, berät, plant und auch Meisterkurse anbietet. Momentan läuft der Unterricht online.

Dann wollen wir mal anfangen

Da ich nicht auf den Mund gefallen bin und ein ziemlich offener Mensch bin und die Vivien übrigens auch, kamen wir sofort ins Gespräch. Ich stellte mich und unser Unternehmen vor und schon sprudelten die Fragen aus mir raus.

Elena: Wie bist du auf den Gerüstbau gekommen?

Vivien: Mein Stiefvater hat einen mittelständigen Gerüstbaubetrieb und ich half eine Zeit lang im Büro aus. Besonders in der Urlaubszeit übernahm ich immer mehr Verantwortung und leitete den Betrieb sogar wochenlang selber. Nach einiger Zeit entschied ich mich, eine Ausbildung als Gerüstbauerin zu machen, da ich wissen wollte, wovon ich rede und ich wollte auch ernst genommen werden in meinem Job. So ist eigentlich der Stein ins Rollen gekommen.

Elena: War das schon immer dein Traumberuf?

Vivien: Nein absolut nicht. Ich bin reingewachsen. Ich war jahrelang im Einzelhandel tätig und irgendwann wollte ich Abwechslung. Mir hat mein Job einfach nicht mehr Spaß gemacht. Ja, und durch meinen Stiefvater hatte ich dann auch die Möglichkeit dazu. Vor einigen Jahren bin ich Mutter geworden, war daraufhin in Elternzeit und bin dann zu meinem Mann in die Firma gewechselt. Heute bin ich im Büro tätig, aber ab und an, wenn praktische Lehrgänge bei uns anstehen, bin ich gerne mit den Jungs draußen am Gerüst.

Elena: Hattest du gegenüber den Männern in deiner Ausbildungszeit (Schule) Probleme und wie sind die Ausbildungsjahre aufgebaut?

Vivien: Ich habe die Schule richtig gerne gemocht und es war auch eine richtig tolle Zeit. Ich war damals die einzige Frau unter 300 jungen Männern in der Gerüstbauschule. Aber Probleme hatte ich nie. Da ich schon 30 Jahre alt war, als ich damals meine Lehre begonnen hatte, war ich eher die „Mutti“ für alle.

Der Aufbau der Ausbildungsjahre war vor 7 Jahren wie folgt: Im ersten Ausbildungsjahr lernst du, sagen wir mal, die Basis kennen. Dazu zählt die Baustelleneinrichtung, die verschiedenen Gerüstarten (Systemgerüst, Modulgerüst, Stahl-Rohr-Kupplung und es gibt auch ein eigenes Lernfeld zum Thema Holz) und auch das Thema Statik ist parallel immer ein Thema. Das sind eigentlich so die 5 Lernfelder, die du im ersten Lehrjahr hast.

Im 2. Lehrjahr steigt man dann komplett in die Statik ein, dazu kommen dann auch Wetterschutzdächer, fahrbare Arbeitsbühnen, Hängegerüste usw. Im 3. Lehrjahr kamen dann so spezielle Rüstungen hinzu, wie beispielsweise Kircheneinrüstungen.

Am Ende der Ausbildung findet ein Leistungstest statt. Das bedeutet, dass die Besten Azubis gegeneinander antreten und sich mit verschiedenen Übungen beweisen müssen. Ich muss dazu sagen, dass ich aufgrund meines Alters (über 30 Jahre) nicht mehr daran teilnehmen durfte und das hat mich fuchsig gemacht. Ich würde es besser finden, wenn jeder daran teilnehmen dürfte, vor allem wenn der Notendurchschnitt bei 1,1 liegt, so wie bei mir.

Elena: Hattet ihr mehr Theorie oder Praxis?

Vivien: Das läuft parallel und im Wechsel. Sprich 2 Wochen Theorie, also Schule und dann wieder 2 Wochen praktische Ausbildung. Also es wird auch Blockunterricht genannt.

Elena: Wie kam es dann dazu, dass du deinen Meister gemacht hast?

Vivien: Na ja ich sagte mir eben ganz oder gar nicht. Es war zugegeben etwas schwierig, da ich meinen Meister in meiner Elternzeit gemacht habe. Mit zwei 9 Monate alten Babys war es schwierig, aber ich hatte Unterstützung. Ja, außerdem auch wegen – das Werkstück, ich wollte ja meinen Mann in der Firma unterstützen.

Elena: Wie teuer ist so ein Meisterbrief?

Vivien: Also es gibt zwei Möglichkeiten den Meister zu machen, entweder in Vollzeit in ca. 4-5 Monaten oder eben in Teilzeit, das geht dann 2 Jahre. Wir beim Werkstück bieten nur die Vollzeit Variante an, preislich liegen wir Vollzeit bei 4450 €, dabei ist Teil 1 und 2 also, der gesamte technische Teil. Teil 3 ist der kaufmännische Teil und Teil 4 die Ausbildereignungsprüfung – diese beiden Teile sind dann separat von uns.

Elena: Wurdest du im Gerüstbau bevorzugt behandelt?

Vivien: Ich muss dazu sagen, ich habe wirklich gute Erfahrungen gemacht. Ich bin genauso früh aufgestanden und habe genauso schwer geschleppt wie die Männer, ich wollte nie bevorzugt behandelt werden. Dafür wurde ich auch respektiert und bin ehrlich gesagt auch etwas stolz drauf.

Elena: Bodenfrau oder stehst du lieber auf dem Gerüst?

Vivien: Sowohl als auch. Aber ich muss zugeben, dass wenn es mal zu hoch wird, auch mir zu Knie zittern.

Elena: Zu guter Letzt noch das allbeliebte Thema TRBS 2121, was sagst du zu den überarbeiteten Regeln?

Vivien: Das ist ein schwieriges Thema und in 5 Minuten auch nicht besprochen. Ich muss sagen, ich verstehe beide Seiten. Ich sehe da einige Aspekte, die einfach schwierig in der Umsetzung sind, alleine bei der Kalkulation. Ein Gerüstbauer macht ein Angebot und ist aufgrund der Umsetzung der technischen Regeln im Preis deutlich teurer als der Gerüstbauer, der die TRBS 2121 komplett ignoriert. Wo denkst du, geht der Kunde dann hin? Genau zum Billigeren, weil der sagt, ja mir ist doch egal, was du während dem Aufbau beachten sollst, das geht ja mich nichts an. Leider wird zu wenig kontrolliert und wenn Baustellen kontrolliert werden, dann wird oftmals Belangloses bemängelt, obwohl tatsächliche Mängel an den Gerüsten bestehen. Ich finde, die Kontrolleure sollten ebenfalls gesonderte Schulungen erhalten bzw. vom Fach sein (Gerüstbauer-innen oder Gerüstbaumeister-innen). Wenn dann alles im Reinen ist und alle darauf vorbereitet sind, müssen solche Vorschriften geltend gemacht werden. Na ja, wie du siehst, da gibt es kein Ende.

Mit diesem Satz war auch ich mit meinen Fragen soweit durch. Tatsächlich hatten wir bereits über eine Stunde über Facetime gesprochen. Ich bin froh, eine so tolle Persönlichkeit wie die liebe Vivien getroffen zu haben. Aufgrund der Coronamaßnahmen leider nicht persönlich, aber wir holen das mit dem richtigen Kaffee noch nach.

Im zweiten Teil von „Frauen im Gerüstbau: Von wegen das schwächere Geschlecht!“ spreche ich mit Nadja. Bis dahin wünsche ich euch eine gute Zeit.

Eure Elena

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